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zweiter Schoepfungsbericht

 

Schöpfung

Zur Theologie der biblischen Schöpfungserzählungen

Die Bibel stellt im Buch Genesis gleich zwei ganz verschiedene Schöpfungserzählungen vor, die in Kinderbibeln meist zu einer Geschichte verknüpft werden. Dabei unterscheiden sich die beiden biblischen Texte ganz wesentlich voneinander. Der 1. Schöpfungsbericht in Gen 1,1 bis 2,4a stammt aus der Zeit, als das israelitische Volk im  babylonischen Exil war (zwischen 586 und 538 v. Chr.) und handelt von der Erschaffung des Welt in 7 Tagen. Der zweite Schöpfungsbericht ab Gen 2,4b ist 400 Jahre älter; hier finden sich die allseits bekannten Erzählungen von Adam und Eva im Paradies und dem Sündenfall.

1) Die erste Schöpfungserzählung Gen 1,1 bis 2,4a

Um es gleich vorwegzunehmen: Dieser biblische Text kann nicht als Erklärung der Weltenstehung im heutigen naturwissenschaftlichen Sinn gelesen werden. Von der literarischen Gattung her ist er vielmehr ein Loblied, ein Hymnus auf den Schöpfer dieser Welt. Der Verfasser lebte vor über 2500 Jahren und sah die Welt mit den Augen des damaligen Menschen – und trotzdem hat sein Text alle Entwicklungen überdauert, die der Mensch seither durchlaufen hat; vielleicht, weil er in seiner poetischen Sprache Antwort auf Fragen gibt, die sich jeder Mensch im Lauf seines Lebens stellt. Anhand solcher zeitlos aktuellen Fragen soll im Folgenden die theologische Aussage des Textes entwickelt werden.

Woher kommt alles, was ist?

Weil ein einziger Gott (hebr. Elohim) alles geschaffen hat allein durch sein Wort. Damit grenzt sich der biblische Autor von Vorstellungen anderer Völker ab, wonach mehrere Gottheiten am Schöpfungswerk beteiligt sind, das meist in Folge von Kämpfen aus einem Urstoff heraus gestaltet wurde.

Woher kommen Ordnung, Harmonie und Schönheit von Erde und Himmel?

Weil Gott das Chaos (hebr. Tohuwabohu) so geordnet hat:

*       am 1. Tag Trennung von Licht und Finsternis, Tag und Nacht;
*       am 2. Tag Trennung von Oben und Unten, Himmel und Erde, mit dem Gewölbe dazwischen;
*       am 3. Tag Trennung von Wasser und Trockenem, Meer und Land.

 

Woher stammt die Vielfalt des Lebens auf der Erde und am Himmel?

Weil Gott alles so eingerichtet hat:

*       am 3. Tag die Pflanzen, Sträucher, Bäume;
*       am 4. Tag Sonne, Mond und Sterne;
*       am 5. Tag Tiere im Wasser und in der Luft;
*       am 6. Tag die Landtiere und den Menschen.

Was ist der Mensch?

Ein Ebenbild Gottes, von daher gleich an Würde, unabhängig von Alter und Geschlecht, Herkunft und Rasse, Hautfarbe und Sprache.
Mann und Frau sind einander gleichgestellt ohne Rangordnung, beide sind Geschöpfe des einen Schöpfers, der Männlich und Weiblich in sich vereint.

Wozu bin ich auf der Welt?

Um über die Erde mit allem, was zu ihr gehört, Pflanzen und Tiere, zu herrschen, das heißt Verantwortung zu tragen für das, was mir anvertraut ist, es zu achten und zu pflegen. „Seid fruchtbar und mehret euch“ meint, selber schöpferisch tätig zu sein, Leben weiterzugeben und damit das Werk des Schöpfers fortzusetzen.

Alles in dieser Welt hat eine feste Ordnung und Struktur, einen Rhythmus von Arbeit und Ruhe. Wir Menschen sind in diese Struktur eingebettet. Auf sechs Tage Arbeit folgt ein Tag der Ruhe, des Loslassens, des Hinblickens auf das Geschaffene. Arbeit ist also elementar wichtig für die Sinngebung des Lebens, aber ebenso wichtig ist es, regelmäßig innezuhalten und die geleistete Arbeit aus der Distanz zu betrachten.

Zusammenfassung:
Es geht also im ersten Schöpfungsbericht vornehmlich darum zu zeigen, dass Himmel und Erde von einem souveränen Gotteswesen geschaffen wurden. Die Welt ist nicht durch Zufall so geworden, sondern eine sinnvolle, gute und zielgerichtete Ordnung, innerhalb derer der Mensch seine feste Aufgabe als Mitarbeiter Gottes hat. Die regelmäßige Wiederholung von „und es war Abend und es war Morgen ...“ gliedert den Hymnus, vergleichbar mit dem Kehrvers in einem Lied. Der Tag beginnt hier übrigens, wie bei den Juden heute noch, mit dem Abend. „Und es war sehr gut“: Die Welt an sich, so wie sie geschaffen wurde, ist in sich gut, wunderbar, einzigartig.

 

Einige Anmerkungen zum Vergleich mit dem heutigen naturwissenschaftlichen Weltbild.

Das Alter des Weltalls wird heute auf etwa 15 Milliarden Jahre geschätzt. Die „7 Schöpfungstage“ erscheinen dagegen als recht kurzer Zeitraum! Allerdings ist mit einem Tag weniger eine Quantität als eine Qualität gemeint: Jeder Tag im Schöpfungswerk Gottes kann für Millionen von Jahren stehen.

Aus der Beobachtung, dass sich die Galaxien im Weltall rasend schnell voneinander entfernen, folgerte der Astronom E. Hubble 1929, dass sich das Weltall ausdehnt: es expandiert. Und was sich ausdehnt, muss einmal komprimiert gewesen sein. So entstand die Theorie vom Urknall, wonach vor etwa 15 Milliarden Jahren alle Energie des Weltalls auf einem Punkt konzentriert war. Mit einer kosmischen Explosion entstanden dann Materie, Raum und Zeit. Gestützt wird diese Theorie von der Messung einer gleichmäßigen kosmischen Hintergrundstrahlung (Mikrowellen), die seit dem Urknall auf -270 Grad abgekühlt ist (für ihre Messungen dieser Mikrowellenstrahlung bekamen 2006 zwei amerikanische Forscher den Physiknobelpreis).

Die Frage bleibt offen: Was war vor dem Urknall? Gibt es überhaupt ein „Davor“ im zeitlichen Sinn? Und: Warum ist alles so geworden, wie es geworden ist? Und weiter: Worauf steuert die Entwicklung des Universums in Zukunft hin? Sind wir nur ein Staubkorn im All, das verweht, ohne dass etwas bleibt?

Vor allem durch Charles Darwin (1809-82) wurde die Theorie der Evolution entwickelt: Alles Leben hat sich von einem niederen zu einem höheren Dasein entwickelt, durch natürliche Selektion im Kampf ums Dasein von einfacheren zu immer komplizierteren Lebewesen. Auch der Mensch entwickelte sich von einfacheren, „primitiveren“ Vorfahren zu seiner heutigen Gestalt und hat mit den Menschenaffen gemeinsame Vorfahren (nicht aber: stammt vom Affen ab). Zunächst vehement abgelehnt, wird diese These heute auch von der Kirchenleitung als plausible Erklärung von naturwissenschaftlichen Phänomenen akzeptiert.

Der erste Schöpfungsbericht muss nicht im Widerspruch zur Evolutionstheorie gesehen werden. Die Reihenfolge der Schöpfung: erst Tiere in Wasser und Luft, dann Landtiere, schließlich der Mensch, kann auch als Entwicklungsreihe im Sinn einer Höherentwicklung gesehen werden. Dass der Mensch als Mann und Frau als letztes auf den Plan tritt, kann aber auch als Wertaussage verstanden werden im Sinne der besonderen Stellung des Menschen innerhalb der Schöpfung.. Insofern wird die zunächst wertneutrale Theorie der Evolution ergänzt durch den werteorientierten Schöpfungsbericht, der dem Menschen seine besondere Stellung, Aufgabe und Verantwortung innerhalb des Weltganzen zuweist.

Vielleicht lässt sich das Verhältnis vom heutigen naturwissenschaftlichen Weltbild zum Weltbild des biblischen Schöpfungsberichts am ehesten durch einen Vergleich verdeutlichen. Jeder kennt die Bilder mit den blauen Pferden des Malers Franz Marc. Jeder weiß, dass Pferde nicht blau sind – und doch drückt sich in den Farben und Formen dieser Bilder eine tiefere Wahrheit aus, die dem Auge verborgen ist. Für Franz Marc sind die physisch wahrnehmbaren Erscheinungen Gleichnis für eine tiefere, hinter den Erscheinungen verborgene Wirklichkeit, die er durch seine Malerei sichtbar machen möchte. „Unfassbare Ideen äußern sich in fassbaren Formen ... Die Form ist uns Geheimnis, wie sie der Ausdruck von geheimnisvollen Kräften ist. Nur durch sie ahnen wir die geheimen Kräfte, den ‚unsichtbaren Gott’.“ (Franz Marc, in: Paul Vogt, der Blaue Reiter, Köln 1977, S. 133)

So können wir auch in der 2500 Jahre alten Dichtung des Schöpfungshymnus das Geheimnis des unsichtbaren Schöpfergottes ahnen.

Schöpfungsbilder von Meister Bertram, Grabower Altar von 1379, Kunsthalle Hamburg

Religionspädagogische Gesichtspunkte

Gen 1,1–2,4a ist sicherlich eine biblische Erzählung, die, in vereinfachter Form, bereits für Kinder im Elementarbereich geeignet ist. Dabei kommen folgende Aspekte dem kindlichen Verstehenshorizont entgegen:

*       Der klare, strukturierte Aufbau mit den 7 Schöpfungstagen
*       Die Wiederholungen nach jedem Abschnitt („Es wurde Abend und es wurde Morgen, erster Tag ..)
*       Viele elementare Begriffe aus der täglichen Erfahrungswelt: Himmel und Erde, Wasser und Land, Sonne, Mond und Sterne ...
*       Gott als souverän Handelnder, der allein durch sein Wort alles erschafft, was dem magischen Denken der Kinder entspricht

Kindern wird durch die Schöpfungserzählung ein tragfähiges, nachhaltiges Weltbild vermittelt, das freilich mit zunehmendem Alter immer neu reflektiert werden muss. Sie erfahren, dass die Welt, so wie sie geschaffen wurde, gut ist; dass alles in dieser Welt seine feste Ordnung und seinen Sinn innerhalb des Ganzen hat; dass sie als Menschen Verantwortung für Pflanzen und Tiere tragen und ihnen Wertschätzung entgegenbringen sollen. Sie lernen, dass alle Menschen auf dieser Erde Kinder des einen Gottes sind und damit untereinander Brüder und Schwestern. Sie erfahren des Sinn des Sonntags als heiligen Tag der Ruhe von der Arbeit (wobei es heutzutage immer schwerer erscheint, den Sonntag mit Sinn zu erfüllen).

2) Der zweite Schöpfungsbericht Gen 2,4b-3,24

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