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Gewissensentwicklung
Stufenmodell nach Kohlberg

 

Die Frage: was soll ich tun? stellt immer wieder vor Entscheidungen. In diesem Zusammenhang spielt das persönliche Gewissen eine entscheidende Rolle.

Das Gewissen

Gewissen – das hat mit Wissen zu tun, wissen z.B., wie ich mich in einer bestimmten Situation entscheiden soll und wie eine Handlung zu beurteilen ist. Dabei ist aber nicht nur der Kopf beteiligt, sondern auch das Herz, mithin der Gefühlsbereich. Und schließlich sollte das, was als richtig und gut erkannt wurde, auch in die Tat umgesetzt werden. Gewissen betrifft also den ganzen Menschen mit Kopf, Herz und Hand. 

Das Gewissen als moralische Instanz im Menschen

Zunächst einige allgemeine Hinweise zur Begriffsbestimmung aus verschiedenen Perspektiven: Gewissen ist

Aufzählung die innere Stimme, die als warnend vor einer „schlechten“ Tat oder als ermunternd zu einer „guten“ Tat erlebt wird
Aufzählung eine kleine Trommel (Ausdruck aus Sumatra)
Aufzählung die Instanz im Inneren, die nach einer unrechten Handlung anklagt („schlechtes Gewissen“)
Aufzählung das gute Gefühl nach einer guten Tat („gutes Gewissen“)
Aufzählung das Urteil der Vernunft, das über Gut und Böse, Richtig und Falsch, Recht und Unrecht entscheidet
Aufzählung „die Fähigkeit eines Menschen, sich selbst, sein Wollen und sein Verhalten an einem Maßstab zu messen“ (Reinhard Mawick)
Aufzählung das Bewusstsein eines „inneren Gerichtshofes“ im Menschen, „vor welchem sich seine Gedanken einander verklagen oder entschuldigen“ (Immanuel Kant)
Aufzählung Das „Über-Ich“ (Sigmund Freud)
Aufzählung „die tiefste Erkrankung des Menschen; deshalb weg mit dem Wahn von Schuld und Gewissen.“ (Friedrich Nietzsche)
Aufzählung „das Gesetz Gottes, das allen Menschen ins Herz geschrieben ist; es besagt, das Gute zu lieben und das Böse zu meiden“ (Vaticanum II, Gaudium et Spes 16 in Anlehnung an Röm 2,15)
Aufzählung die Urteilskraft, die es dem Menschen ermöglicht, verantwortungsvoll zu handeln und Verantwortung für seine Taten zu übernehmen
Aufzählung eine Veranlagung, die jedem Menschen von Natur mitgegeben ist, die aber in Wechselwirkung mit Umwelt- und Erziehungseinflüssen ausgebildet werden muss und deshalb abhängig von der jeweiligen Kultur ist.

Martin Luther beruft sich auf sein Gewissen

Als Martin Luther vor dem Reichstag in Worms 1521 vom Vertreter des Erzbischofs gefragt wurde, ob er seine kirchenkritischen Schriften widerrufe, antwortete er:

„Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt wurde, so bin ich durch die Stellen der Heiligen Schrift überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist.“

zitiert nach Wolfgang Bender/Helga Offermanns, sehen werten handeln. Ethik. München 1994, S. 304

 

Katholische Lehre (Vgl. dazu Katechismus der Katholischen Kirche. München 1993, Art. 1776-1802)

 „Das Gewissen ist die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist. Im Gewissen erkennt man in wunderbarer Weise jenes Gesetz, das in der Liebe zu Gott und dem Nächsten seine Erfüllung hat.“ (Gaudium et Spes 16)

Dem sicheren Urteil seines Gewissens muss der Mensch nach kath. kirchl. Lehre Folge leisten, auch wenn die Entscheidung noch objektiven moralischen Maßstäben falsch ist. Die persönliche Gewissensentscheidung, in Freiheit getroffen, ist also absolut bindend. Keiner darf gezwungen werden, gegen sein Gewissen zu handeln. Keiner darf aber auch abgehalten werden, nach seinem Gewissen zu handeln.

Gott ist größer als unser Herz

Was ist, wenn ein Mensch im Nachhinein erkennt, dass seine Entscheidung falsch war? Jenseits aller Schulgefühle gibt es noch eine höhere Instanz:

„Wir werden unser Herz in seiner Gegenwart beruhigen. Denn wenn das Herz uns auch verurteilt - Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles.“ (1 Joh 3,19-20)

Gewissensbildung als lebenslange Aufgabe

Wie sich ein Mensch in einer konkreten Situation verhält, hängt also auch davon ab, wie er sein Gewissen gebildet hat. Gewissensbildung, auch Gewissensschärfung genannt, ist eine lebenslange Aufgabe für jeden Menschen.

„Die immerwährende kreative Auslegung der Bibel ist bis heute die entscheidende Grundlage christlicher Gewissensbildung. In welcher Haltung und Erwartung die Menschen auf Gottes Wort hören, das ist also der entscheidende Schlüssel zur Bildung eines christlichen Gewissens. Die Freiheit der eigenen Entscheidung ist dabei wichtig, ja unersetzbar.“

Reinhard Marvik, Was ist das Gewissen? http://www.chrismonblogs.de/Religion-fuer-Einsteiger/archive/2005/01/01/was-ist-das-gewissen.htm, aufgerufen am 16.8.2010

Welche Faktoren aber nehmen Einfluss darauf, wie sich das Gewissen als moralische Urteilskraft beim Einzelnen im Lauf des Leben entwickelt?   Weiterlesen

A. Gruber 8.2010                         Druckversion

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