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Gewissensentwicklung

Wie kommt es, dass Menschen in Gewissensfragen ganz unterschiedlich reagieren? Dass z.B. die einen sagen, ihr Gewissen verbiete es ihnen, Fleisch zu essen, während andere guten Gewissens ihr Schnitzel verzehren? Offensichtlich ist das Gewissen eine ganz individuelle Sache. Von welchen Faktoren und Einflüssen es geprägt wird, hat Wolfgang Bender sehr prägnant zusammengestellt :

Orientierung an elementaren Bedürfnissen und Trieben

„Der gerade geborene Säugling ist weit davon entfernt, ein Gewissen zu haben. Er hat auch noch kein Ich-Bewußtsein. Er kann anfangs nicht einmal zwischen sich und seiner Umwelt unterscheiden. Aber er hat Empfindungen, zum Beispiel Bedürfnisse: daß Hunger und Durst gestillt werden, daß er sich warm und geborgen fühlt. Wird ein Bedürfnis nicht befriedigt, meldet er sich schreiend. Das Kleinstkind ist an seinen Bedürfnissen orientiert; es ist trieborientiert.

Orientierung an Strafe und Belohnung

„Bald aber setzt ein Lernprozeß ein. Das Kind nimmt seine Bezugsperson wahr. Es bemerkt, daß sie lächelnd und ernst aussehen können, daß sie belohnen können und strafen, weil sie sich bestimmte Dinge wünschen und andere nicht. Weil Strafe unangenehm, Belohnung aber angenehm ist, hält sich das Kleinkind an bestimmte Regeln. Zur Trieborientierung kommt die Orientierung an Strafe und Belohnung.

Orientierung an Autoritäten

„In der weiteren Entwicklung wird es für das Kind wichtig, sich im Einklang mit seiner Familie, seiner Gruppe, seinen Volksangehörigen zu befinden. Es möchte ihre Erwartungen erfüllen, um von ihnen akzeptiert zu sein. Zunächst ist diese Einstellung ganz auf Personen bezogen. Das Kind sucht für sich die Zustimmung des Vaters, der Mutter, der Lehrerin zu gewinnen. Der Psychologe L. Kohlberg spricht hier von der „guter Junge-nettes Mädchen- Orientierung“. Später werden die Regeln, an die sich die Erwachsenen halten und den Kindern beibringen, für die Kinder selbst wichtig. Die Regeln werden für das eigene Ich übernommen. Das Kind orientiert sich an Recht und Ordnung. Jetzt hat es ein Gewissen. Es ist ein Autoritätsgewissen.

Wenn die Entwicklung des Bewußtseins auf dieser Stufe stehen bleibt, kann es von großem Nachteil für den Heranwachsenden sein. Er kann ängstlich werden, weil er nicht immer alles erfüllen kann, was die Gebote in ihm fordern. Er kann hilflos werden, wenn er in ganz neue Situationen kommt, auf die sich sein starres Gewissen nicht einstellen kann. Vor allem ist er nicht in der Lage, selbst zu beurteilen, ob eine Regel, ein Gesetz, eine Autorität nicht nur rechtmäßig, sondern auch gerecht und gut ist.“

Orientierung an universalen Grundsätzen

„An Gestalten wie Martin Luther King wird deutlich, daß die Entwicklung des Gewissens weitergehen kann . Er hatte gelernt, daß Gesetze falsch sein können, weil er überzeugt war, daß er sie an Grundsätzen wie „Gerechtigkeit für alle“ oder am Gebot der Liebe messen dürfe und müsse. Er konnte gegen Gesetze, die er als ungerecht erkannt hatte, protestieren und gewaltlosen Widerstand leisten. Er orientierte sich an einem Gewissen, das nicht mehr Autoritäts- oder Gesetzesgewissen, sondern sein persönliches Gewissen war. Für dieses Gewissen und seine Entscheidungen war er allein verantwortlich. Das ist das Ziel der Entwicklung des Gewissens: zu einem persönlichen, autonomen Gewissen zu kommen.

Das persönliche autonome Gewissen

Was ist ein autonomes Gewissen? Es bedeutet ‚die beständige Entschlossenheit, das eigene Dasein so weit als möglich zu entfalten und zu erfüllen’. So beschreibt es Alfons Auer, ein katholischer Moraltheologe.

Vier Schritte seien nötig, um zu einem autonomen Gewissen zu kommen. Der erste Schritt ist die Grundentscheidung zur Spontaneität: ‚Wer immer nur auf Ereignisse reagiert und sich nie in Freiheit zu selbstverantwortlichem Handeln erhebt, wer gar sein Verharren in der Primitivität mit dem Anspruch begründet, genauso unmoralisch sein zu dürfen wie jeder andere auch, der wird für immer gegenüber einer künftigen und besseren Gestalt seines Daseins verschlossen bleiben.’

Der zweite Schritt bedeutet die bewußte Hinwendung zur Wirklichkeit. Gewissen hat etwas mit Wissen zu tun. Es ist die Bereitschaft und das immer wieder erneute Bemühen, die Wirklichkeit wahrzunehmen, wie sie ist. Es geht auch darum, die jeweilige Situation, in der ich handeln soll, genau zu erfassen und meinen Standort in dieser Situation zu bestimmen. Dazu gehören auch die folgenden Fragen: Welche Interessen habe ich ganz persönlich in einer bestimmten Situation? Meine eigensten, vielleicht egoistischen? Habe ich mir die Interessen einer bestimmten Gruppe zu eigen gemacht? Welche Interessen sollte ich vertreten? Welche Ängste habe ich? Wozu veranlassen mich diese Ängste? Sind sie berechtigt?

Der dritte Schritt besteht darin, sich um eine verläßliche Orientierung für das alltägliche Handeln zu bemühen. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit den sittlichen Einsichten und Überlieferungen früherer Generationen. Wichtig ist auch, sich in die Weisheitslehren anderer Völker hineinzudenken. Sie können uns nicht selten auf Grenzen unserer eigenen Welt- und Lebensbetrachtung aufmerksam machen. (...)

In einem vierten Schritt wird eine persönliche Zielgestalt erarbeitet. Alfons Auer schreibt: ‚Das Gewissen drängt jeden, gerade das zu werden, was er sein kann, und gerade das in die menschliche Gemeinschaft einzubringen, wozu er persönlich besondere Anlage besitzt.’

Die persönliche Zielgestalt kann nicht die Kopie irgend eines Vorbildes sein. Vorbildliche Gestalten können Hinweischarakter haben, sie können Mut machen, sich die eigenen Grenzen nicht zu tief zu setzen. Entscheidend ist aber, daß ich mir meine ganz persönliche Zielgestalt, mein Lebensprojekt erarbeite.“

Quellen:
Wolfgang Bender/Helga Offermanns, sehen werten handeln. Ethik. München 1994, S. 314-316
Alfons Auer, Entschlossenheit zum eigenen Leben. In: Christ in der Gegenwart. 28. Jg. (1976), S. 269f.

 Weitere Infos zur Entwicklung der moralischen Urteilskraft nach Lawrence Kohlberg

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